Das Leben ist wie ein Buch: Wer nicht reist, liest immer nur die selbe Seite.

Dienstag, 11. Januar 2011

Am Strand mit den Kindern




Die Organisation Circa besitzt an der Pazifikküste im kleinen Ort Mejia ein Ferienhaus, das im peruanischen Sommer (Januar und Februar) von den Kindern der Kinderheime, den Direktoren der Schulen, den Müttern der Schulkinder und anderen Gruppen besucht wird. Für die Jüngsten und die Mädchen der Kinderheime ging es vom 3. bis zum 9. Januar dorthin. Viele der Kinder kennen die Stadt Arequipa selbst sehr wenig, weil sie sich ständig in ihrem Kinderheim oder dessen Umgebung aufhalten. Man kann sich also vorstellen wie groß ihre Freude war, als sie endlich um fünf in der früh in den gelben Circa-Combi einsteigen durften um zum Strand zu fahren. In zwei Busse, die jeweils 30 Personen halten, mussten 90 Personen passen. So wurden die Kleinsten auf den Schoß genommen und sonst zwei Sitze von drei Personen besetzt. Damit sich die kleinen Kinder während der zweistündigen Fahrt nicht übergeben, wird ihnen hier in Peru ein Stück Zeitung auf den Bauch gelegt. Diese Methode hat leider nicht bei jedem Kind geklappt und so waren ich und die zwei anderen peruanischen Begleitungen Daniela und Maria ständig damit beschäftigt nach Plastiktüten zu suchen oder kleine aufgeregte Kinder zu beruhigen. Die Reise an die Pazifikküste geht durch die Wüste und die Kinder hingen mit ihren Nase an den Fensterscheiben, um die rot-, gelb-, weiß- und graufarbenen rießigen Berge zu bewundern. Es war wunderschön sie zu beobachten wie sie sich über den Anblick des Meers gefreut haben („Stimmts Señorita Judith, das Meer ist sehr, sehr groß?!“) und bei jeder großen Welle ein lautes Ooooohhh durch den Bus ging.
Endlich im Ferienhaus angekommen wurden die Mädchen in acht Gruppen und ihre Zimmer eingeteilt, wobei die Ältesten jeder Gruppe jeweils die Verantwortlichen und die Betreuer der Jüngeren waren. Zusammen mit Daniela und Maria habe ich in dieser Woche hauptsächlich die 14 Kleinsten (3-6 Jahre) betreut. Das hieß konkret: Die Kinder morgens aufzuwecken, wenn sie nicht schon längst seit 5 Uhr auf mir herumturnen, sie anzuziehen, ihre Nasen zu putzen, sie auf die Toilette zu begleiten, ihre Häufchen, die aufgrund von Zeitmangel auf dem Kloboden und nicht im Klo gelandet sind, aufzuputzen, regelmäßig vollgepinkelte Matratzen nach draußen zu bringen, ihnen bei den Mahlzeiten das Essen auszuteilen und sie zu füttern, sie am Strand einzucremen und darauf zu achten, dass sie immer ihren Sonnenhut aufhaben und nicht allein ins Meer gehen, ihnen aus Sand Löwen und Katzen zu bauen, ihnen Prinzessinnen, Prinzen, Bären, Schweine und Blumen zu malen, sie davon abhalten sich ständig zu schlagen und sie zu trösten, falls es doch dazu kommt und geweint wird, sie zu schimpfen, wenn sie auch mich schlagen, ihnen Kaugummis, die sie auf dem Kloboden gefunden haben, mit großem Widerstand seitens der Kinder aus dem Mund zu nehmen, mit ihnen Engelchen, Engelchen Flieg und Hopper, Hopper Reiter bis zum Erbrechen zu spielen, sie nach dem Mittagessen zum Mittagsschlaf und abends -selbst ganz erschöpft- ins Bett zu bringen.
In jedem Bett schliefen jeweils vier Kinder und jede der drei Betreuerinnen hatte ihr eigenes Bett. Gleich die erste Nacht verlief nicht ganz ruhig, als der kleine 4- jährige Luis sich aufsetzte, weinte und nach seiner Mutter schrie. Er und seine zwei Geschwister sind seit einiger Zeit in den Kinderheimen Circas untergebracht, weil ihre Mutter verstorben ist. Daniela hat versucht ihn von ihrem Bett aus mit Worten (teilweise auch streng) zu beruhigen, denn die Kinder müssen auf Dauer lernen mit ihrer Situationen umzugehen. Als er nach 10 Minuten immer noch nicht aufhörte zu weinen, holte ich ihn in mein Bett und sobald er in meinen Armen lag, beruhigte er sich sehr schnell wieder und schlief ein. Seit diesem Tag läuft er mir ständig hinterher, umarmt mich, krabbelt auf mir herum und nennt mich manchmal sogar mamá Judith. Es ist wunderschön und auch eine Ehre, dass einige der Kinder mich als eine Mama ansehen, ich möchte aber diese Position nie einnehmen, weil ich eben doch nur noch fünf weitere Monate hier bleibe und so weise ich die Kinder jedes Mal liebevoll darauf hin, dass ich nicht ihre Mama bin, sondern ihre amigita, ihre kleine Freundin.

Die Leitung Señorita Cecilia

Die Hauptverantwortliche für das Camp war die dicke Señorita Cecilia, die Leiterin eines Mädchenkinderheims und eine der unsympatischsten Menschen, die mir je über den Weg gelaufen sind. Jedes der Kinder hatte großen Respekt und einige auch Angst vor ihr, weil sie stets in einem sehr strengen und bestimmten Ton mit den Kindern redete. Um die Aufmerksamkeit der Kinder zu bekommen pfiff sie entweder mit ihre Trillerpfeife oder brüllte laut mit ihrem rießen Organ; ein bisschen so, wie man sich das beim Militär vorstellt. Gelacht hat sie insgesamt sehr wenig und ständig die Kinder auf eine Art und Weise beobachtet, ob würde sie nur darauf warten, dass einer etwas falsch macht und sie wieder ihre Stimme erheben kann. Sogar ich hatte teilweise Angst, dass ich irgendeinen Fehler machen könnte und so fühlte ich mich immer wohler, wenn ich von ihr weiter weg war. Wegen ihrem Verhalten gegenüber den Kindern war ich mir sicher, dass sie bestimmt auch mal zuschlägt, wenn nicht gespurt wird.
Eine der jüngsten Mädchen von Circa, die 4-jährige RubÍ ist seit einigen Wochen bei uns und hat sich noch nicht an das Leben ohne ihre Eltern und den ganzen neuen Betreuern gewöhnt. Wahrscheinlich deswegen verlor sie den Appetit und wir als Betreuer mussten sie jeden Tag regelrecht dazu zwingen wenigstens ein bisschen von ihrem Reis zu essen. Señorita Cecilia bekam das natürlich mit und rief das Kind irgendwann zu sich und schrie sie an, dass sie doch gefälligst essen soll; wenn nicht dann wird sie ihr dabei helfen. Das kleine Mädchen hat sich daraufhin immer noch den Mund zugehalten als wir versuchten ihr den Löffel in den Mund zu stecken und so hat die Leiterin RubÍ am Arm gepackt und sie in ein Nebenzimmer geschliffen. Ich selbst wusste in dieser Situation nicht wie ich mich verhalte sollte, konnte aber nicht davon ablassen immer wieder in das Zimmer zu schauen. Sie hatte die Tür aufgelassen und die beiden saßen so am Tisch, dass auch eine der Circa-Chefinnen sie beobachten konnte. Ich hätte wetten können, dass sie das kleine Mädchen schlagen wird oder ihm zumindest einen Klaps verpasst, aber die beiden saßen einfach nur am Tisch und das Mädchen ließ sich füttern.
Seit diesem Erlebnis hat sich mein Bild von der Leiterin geändert und die folgenden Tage, habe ich nicht nur darauf geachtet wie oft sie herumschreit, sondern auch wie sie manchmal die Kleinen in den Arm nimmt oder mit den Kindern lacht. Am Ende der Woche habe ich beim Frühstück meine Milch verschüttet und anstatt mir einen strengen Blick zuzuwerfen -wie sie das bei den Kindern gemacht hätte-, lachte sie nur und meinte, dass wir wohl seit heute ein neues Kind unter uns haben.
Auf den ersten, zweiten und auch den dritten Blick verurteilt man hier die Leitungen, Lehrer und Betreuer sehr schnell wegen ihrem strengen und teilweise harten Umgang mit den Kindern. Was man aber dabei vergisst zu bedenken ist, dass die Kinder aus ihren Elternhäusern einen noch viel schrofferen Umgang gewöhnt sind und deswegen oft nur so auf Erwachsene hören. Und, dass bei fünf Betreuern und 85 Kindern eben des öftern die Stimme erhoben werden muss, um alle unter Kontrolle zu halten, habe ich jetzt auch eingesehen.

Unser Tagesablauf


So gegen sechs Uhr steht die Chefin des Camps auf dem Balkon und pustet in ihre Trillerpfeife. Ab diesem Zeitpunkt haben die Mädchen so um die 20 Minuten Zeit, um sich anzuziehen und die Haare zu kämen, bevor sie sich beim nächsten Pfiff zügig auf dem Hof in Reih und Glied aufstellen und dann die Circa- und manchmal auch die Peruhymne singen, während drei der Mädchen die peruanische, die Circa und die Papstflagge hissen. Danach wird das Circa-Motto 2011s gerufen und der rechte Arm mit der Faust nach oben gestreckt (ein bisschen so wie der Hitlergruß).
Noch vor dem Frühstück gibt es jeden Morgen einen Hausputz, in dem die Mädchen in ihren Gruppen zusammen arbeiten. Die ganz Kleinen (2-6 jährigen) werden verzweifelt versucht von mir in Schach gehalten zu werden, während Daniela und Maria die vollgepinkelten Hosen und Schlafanzüge im Bach waschen.
Zum Frühstück gab es immer Milch und Brötchen (mit oder ohne Wurstbelag) und gleich danach ging es dann bis zum Mittagessen, dass meistens aus Suppe, Reis und Gemüse bestand, an den Strand. Direkt nach dem Mittagsessen gab es immer eine Stunde Mittagspause, in der sich alle Kinder in ihren Zimmern aufhalten mussten. Das Nachmittagprogramm variierte: Ein Gang zum Spielplatz, ein Malwettbewerb oder Zeit einen Tanz, ein Lied und ein kleines Theater für den letzten Abend vorzubereiten. Das Abendessen bestand manchmal nur aus Milch und Brot, an anderen Tagen gab es dafür eine ganz normale große Mahlzeit. Nachdem jedes Kind sein Geschirr selbst abgewaschen hatte, der Boden und die Tische gewischt waren, war auch schon gegen 20 Uhr Nachtruhe, dass am nächsten Morgen alle ausgeschlafen ihren Tag wieder um 6 Uhr beginnen konnten.

Am Strand

Mit unserer Circa- Fahne, einem Sonnenschutz und unseren Badesachen ging es also jeden Vormittag an den Strand. Aufgrund eines Erdbebens in Chile in der vergangenen Woche waren die Wellen im peruanischen Pazifik besonders hoch und somit auch etwas gefährlich. Unter der Aufsicht von Rettungsschwimmern durften trotzdem fast alle Kinder alleine ins Wasser. Diese Ferienwoche ist für die Kinder oft nur die einzige Gelegenheit im Jahr zu baden und so waren sie teilweise stundenlang im Meer, sprangen lachend und kreischend über die Wellen und plantschten im Wasser (Schwimmen kann so gut wie keiner!).
Als einzige Weise am Strand wurde ich oft von dem Rest der Strandbesucher beobachtet und als den Kindern das auffiel, legten sie mir liebevoll ein Handtuch um die Schultern, „dass sie deinen Körper nicht anschauen können, Señorita Judith“. Dass ich aufgrund meiner Hautfarbe so beobachtet wurde, kam mir auf einmal wieder so fremd vor, obwohl ich mich in Arequipa doch schon so daran gewöhnt hatte. Das lag daran, dass ich diese ganze Zeit nur mit Kindern und Betreuern von Circa zu tun hatte, für die ich ganz normal bin, wie jeder andere Peruaner. Und da hatte ich ganz vergessen, dass aufgrund meiner Hautfarbe eben doch von den meisten Peruanern anders wahrgenommen werde.

„Schau mal du bist braun geworden! Wie hässlich!“

Diesen Satz habe ich in dieser Woche gefühlte tausend Mal gehört. So wie wir als Europäer versuchen durch Sonnenbaden und manchmal durch Solariumbesuche brauner, schöner zu werden, versuchen die Peruaner hier mit allen Mitteln das zu verhindern. Umso so heller die Hautfarbe einer Person hier ist, umso schöner ist diese Person und so werden stärkste Sonnencremes aufgetragen und man versucht sich durch sein Handtuch oder das Sitzen im Schatten ständig von der Sonne und seinen Auswirkungen zu schützen. Ich wurde teilweise belächelt und vielen Kindern war es unverständlich, als ich mich darüber ärgerte nicht so schnell braun zu werden wie der Rest. Erst nach einer ausführlichen Erklärung wie das in Deutschland ist, konnten sie mich ein bisschen besser verstehen und auch meine Chefin Alicia meinte gestern: „ Wir sind nie zufrieden. Wir Peruaner wollen so weiß und dünn wie ihr sein, aber wir können nicht. Und ihr wollt eine dunklere Haut, könnt das aber auch nicht haben.“

Musik, Tänze, Auftritte


Bei Circa ist es schon fast eine Tradition, dass bei jedem besonderen Ereignis oder Fest, die Kinder eine Showeinlage aufführen. So wurden auch in dieser Woche manchmal mehr und manchmal weniger fleißig traditionelle Tänze, das Schneewittchenmärchen, eine Geschichte aus der Bibel oder ein erfundenes Stück, das meistens eine biblische Nachricht hatte, eingeübt. An unserem letzten gemeinsamen Abend wurden dann die großen Boxen mit den Verkleidungen hervorgeholt und jeder durfte sich ein Kleidchen heraussuchen, bevor jede Gruppe ihr Stück vorführte.

Für mich war diese Woche bisher meine intensivste Woche in Peru. In den sieben Tagen hatte ich die Zeit viele neue Namen zu lernen. Durch den ständigen Kontakt mit den Kindern, konnte ich sie, ihre Persönlichkeiten und ein wenig ihrer Geschichte näher kennenlernen. Endlich weiß ich von vielen Kinder, ob und wen sie als Geschwister in anderen Kinderheimen haben und so kann ich in Zukunft versuchen ihre Begegnungen zu unterstützen. Jedes Kind braucht eine etwas andere Zuwendung und ich kann nach dieser Woche sagen, dass ich das besonders bei den Kleinsten geschafft habe. Luis kann man durch Hopper, Hopper Reiter animieren seine Suppe aufzuessen, Sebastian liebt Rechenaufgaben, Frank ist begeistert von Klatschspielen und RubÍ muss bei ihrem ständigen, traurigen Blick durch viel Lachen aufgemuntert werden. Alle dieser Kinder brauchen viel, viel Liebe, die jedem Einzelnen leider bei Circa oft nicht gegeben werden kann.
Viele der Kinder habe ich in dieser Woche fest in mein Herz geschlossen und der Gedanke, dass mir mit ihnen nur noch fünf Monate bleiben, macht mich schon jetzt ein wenig traurig.



























Sonntag, 26. Dezember 2010

Weihnachten in Peru – Weihnachten bei CIRCA



Zeige ich meinen Schülern Fotos von einem deutschen Weihnachten mit echtem Weihnachtsbaum und Schnee, dann hängen sie mit ihren Auge daran. Von Arequipa aus sieht man zwar den Schnee, der auf den Vulkanen liegt, aber von der Nähe gesehen -geschweige denn berührt- hat fast noch keiner den Schnee. Für die Menschen hier ist es schwer vorstellbar wie kalt es denn sein muss, dass es nicht regnet, sondern schneit. Und Regen gibt es auch nur 5-10 x im Jahr. Meine Schüler hier nehmen mir nicht ab, dass die Menschen in Deutschland irgendwann die Nase voll haben von dem ganzen Schnee, da hört man eher: „Ich will auch nach Deutschland und den Schnee sehen. Wieviel kostet es denn dort hinzureisen? Und fährt man mit dem Schiff oder mit dem Flugzeug? Ich hab dann zwar kein Geld in Deutschland, aber wir wohnen dann einfach alle bei ihnen, Señorita Judith. Und das macht mir nichts aus wenn es zu kalt ist, dann zieh ich mir einfach ganz viel an. Macht man da dann auch Schneemänner und bewirft sich mit Schneekugel? Ich hab das mal im Fernsehen gesehen.“ Leider werden sich die Wünsche der Kinder in den meisten Fällen nicht verwirklichen. Einige werden nie aus Peru oder sogar aus der Stadt Arequipa herauskommen.
Das erste Mal, als ich das Foto von unserem Weihnachtsbaum in Deutschland gezeigt habe und erklärt habe, dass wir die Bäume fällen und in unseren Wohnzimmern aufstellen, haben mich 40 entsetzte Kinderaugen angestarrt „Was? Ihr fällt die Bäume nur um sie einige Tage in eure Wohnzimmer zu stellen und dann sterben sie?“
Hier in Arequipa sind Bäume sehr selten. Auf dem Land findet man ein paar vertrocknete oder hitzeresistente Bäume, aber die meisten werden von der Stadt extra gepflanzt und dann mit viel Mühe und Wasser hochgezogen. Besonders am Morgen sieht man oft Frauen, die die noch kleinen Bäume gießen, denn Regen gibt es hier viel zu wenig.
In vielen Klassenzimmern findet man auch von den Kindern selbstgestaltete Plakate, auf denen zu lesen ist wie wichtig die Bäume für unser Leben und die Natur sind und auch die Lehrer legen viel Wert darauf, dass die Kinder sich diese Wichtigkeit immer wieder ins Bewusstsein rufen.
Aus diesem Grund waren die Kinder also geschockt, als sie von dem europäischen Weihnachtsbrauch hörten. Nach einer kleinen Erklärung, dass es bei uns ganze Wälder von Bäumen gibt, waren sie dann auch beruhigt und waren eher daran interessiert wie wir die Bäume ins Haus bekommen und sie am Boden befestigen, dass sie nicht umfallen.
Die Tatsache, dass wir jährlich tausende von Bäumen töten, um sie in unsere Wohnzimmer zu stellen, so hatte ich das bisher auch noch nie gesehen.


Weihnachten in den Schulen

Weil der katholische Glaube hier in Lateinamerika sehr verbreitet ist, ist auch für die Peruaner Weihnachten eines der wichtigsten Events des Jahres. Seit dem ersten Dezember wurden in den Schulen Vorbereitungen getroffen: Bilder gemalt, Texte gelesen, Krippenspiele eingeübt und jede Klasse hat ihre eigene Krippe aufgebaut. Dabei unterschieden sie sich von den deutschen Krippen manchmal sehr: Neben den üblichen Personen und einigen Tieren, findet man teilweise noch 50 andere Tiere und –aus deutscher Sicht sehr unpassende- Figuren, die die Kinder von zu Hause mitgebracht haben, um ihre Krippe noch zu verzieren und sie zu der Schönsten der Schule zu machen. In der letzten Schulwoche gab es dann nämlich einen Krippenwettbewerb und die Klasse mit der Schönsten wurde belohnt.
Meine letzte Schulwoche habe ich damit verbracht meinen Schülern englische Weihnachtlieder beizubringen: We wish you a Merry Christmas und Rudolph the red nosed reindeer. Die Kinder hatten einen Heidenspaß dabei und wollten die Lieder so oft wie möglich singen. Diese Woche war eine meiner schönsten Schulwochen bisher. Alle Kinder haben mitgesungen und ich habe wirklich gemerkt wie sehr sie mich schätzen als sie sich von mir verabschieden mussten. Man bekommt Geschenke und Weihnachtskarten, wird von einigen 10 x umarmt und meine Mädchen von Jesus Obrero ließen mich für 30 Minuten einfach nicht gehen. Von einigen Kindern musste ich mich für immer verabschieden, weil ihre Eltern sie auf eine andere Schule schicken oder weil sie ab nächstem Jahr in Secundaria, die nächsthöhere Stufe (vergleichbar mit Hauptschule in Deutschland), eintreten und dort von staatlichen Englischlehrern (die leider selbst kaum Englisch sprechen) unterrichtet werden. In diesen Klassen gab es einen riesen Applaus für mich und ein Schüler hat sich jeweils im Namen der ganzen Klasse für meine Arbeit und mein Engagement bedankt.

Weihnachten in den Casitas (Kinderheimen)

Am letzten Sonntag vor Weihnachten wurde für alle Kinder der Kinderheime ein rießiges Fest veranstaltet. Jede Casita musste zu der Gestaltung des Programmes beitragen und eine Showeinlage vorbereiten. So gab es traditionelle Tänze, Weihnachtslieder und zehn ziemlich ähnliche Krippenspiele zu sehen. Leider war das Programm viel zu lang und die Kinder hatten gegen Ende keinen Spaß mehr, weil sie still auf ihren Plätzen sitzen mussten. Deswegen waren sie umso glücklicher als „los alemanes“ (die Deutschen) mit ihrer Showeinlage (Ein kleiner grüner Kaktus und We wish you a Merry Christmas) als letzte Gruppe dran waren und es dann endlich etwas zu essen gab: Pollo (Hühnchen), für die Kinder eine Spezialität, denn sie bekommen in der Regel meistens nur Reis, Kartoffeln und Gemüse zu essen.
Die Chefin von Circa liegt sehr großen Wert darauf, dass die Kinder -wenn möglich- mit einem Familienmitglied Weihnachten feiern. So wurden am 23. Dezember rund 70% der Kinder von ihren Eltern oder Verwandten abgeholt. Auf den ersten Blick stellt man sich das für die Kinder sehr schön vor wenigsten einmal im Jahr ein wenig Zeit mit ihren Eltern zu verbringen. Bei den meisten bleibt es jedoch bei diesem einzigen Treffen im Jahr und so fremdeln viele Kinder beim Anblick ihrer Eltern und sträuben sich etwas mit ihnen nach Hause zu gehen. Lieber würden sie ihr Weihnachten mit ihrer Familie feiern: CIRCA. Dann gibt es aber auch die Kinder, die kaum darauf warten können von ihren Eltern abgeholt zu werden und manchmal sogar die ganzen 2-monatigen Ferien bei ihnen zu verbringen. Sie erzählen mir dann wie schön doch wieder ihr Weihnachten werden wird und dass es ganz leckeres Essen geben wird.
Die zurückgebliebenen, 100%igen Waisenkinder bleiben in den Casitas zurück und verbringen den Heiligen Abend damit mit den Betreuern Fernseh zu schauen.

Mein peruanisches Weihnachten

Wir, die fünf Deutschen, waren am Heiligen Abend zum Festmahl der engsten Circa-Leute eingeladen. Nach einer sehr kurzen Messe (30 Minuten) wurden wir zusammen mit vierzig Schwester, den Chefinnen und einigen anderen Circamenschen von der Obernonne, einer Spanierin, mit einem Festmahl bekocht. Es gab: gefühlte Avokado, Schinken und Melone, Hühnchensuppe, Kalbs- und Hähnchenfleisch mit Kartoffeln und als Nachspeise jede Menge Kekse und das peruanische Weihnachtsgebäck Panetón.
Die Schwestern hatten ein Krippenspiel und ein Gedicht vorbereitet und bei der Gabenbeschwerung gab es Unmengen von Geschenken. Wir bekamen jeder Schlappen für unseren Strandurlaub mit den Kindern im Januar, eine Seife, Duschgel und einen Deo; außerdem leckere peruanische Weihnachtskekse.
Pünktlich um Mitternacht begann dann das rießige Feuerwerk in der ganzen Stadt und die Peruaner feierten die Geburt Jesu.
Für mich war es dieses Jahr ein anderes Weihnachten: ohne Familie, in einem anderen Land, einer anderen Kultur. Auch wenn ich dieses Jahr – im Vergleich zu den Weihnachtsfesten in Deutschland- weniger Geschenke bekommen habe, hat mir das überhaupt nichts ausgemacht. Ich war froh darüber von den Circa-Chefinnen eingeladen zu sein und so reichlich essen zu dürfen. Auch überhaupt feiern zu dürfen, denn für viele Slumbewohner Arequipas blieb neben dem Feuerwerk über der ganzen Stadt dieser Tag ein ganz normaler (Arbeits-)tag ohne Festmahl und Geschenke.



























Sonntag, 5. Dezember 2010

En los colegios – in den Schulen













Seit meinen ersten, etwas unsicheren Englischstunden im August, hat sich viel getan. Ich fühle mich in den meisten Klassen sehr wohl und das Unterrichten und Entertainen macht mir wirklich Spaß. Zu den Kindern habe ich ein gutes Verhältnis aufgebaut und der Englischunterricht ist für sie oft das absolute Highlight des Tages.

Weil ich um die 300 Kinder unterrichte, ist es leider unmöglich für mich alle Namen zu lernen. Würde ich die ratschenden oder herumlaufenden Kinder beim Namen nennen können, würden sie schneller reagieren und besser auf mich hören; so bleibt es oft bei einem: „DU, setz dich hin.“ oder „DU, wie spricht man das aus?“ Vielleicht wird sich das im nächsten Jahr ändern, wenn ich einige Klassen zweimal die Woche unterrichten darf.

Die Kinder haben uns momentan nur einmal die Woche und somit fällt es uns Freiwilligen und den Kindern schwer mit dem Stoff voranzukommen. Viele lernen nicht Zuhause und haben so bis zur nächsten Stunde den Stoff wieder vergessen. Die ersten 20 Minuten der Unterrichtsstunde gehen also meistens damit drauf, dass wir alles nochmal wiederholen oder neu lernen. Die Kinder langweilt es natürlich schnell, wenn wir keinen neuen Stoff durchnehmen, sondern den alten immer wieder durchkauen bis ihn fast jeder kann. Mir fehlt es in diesen Situationen leider noch an Ideen auch diesen Teil des Unterrichts interessant zu gestalten und so wird es schnell mal lauter in der Klasse. Bis zu den ersehnten Sommerferien haben unsere Schüler nur noch zwei Schulwochen und so beginnt jetzt die Zeit der Abschlussexamen. Für uns bedeutet das einige Enttäuschungen, aber auch kleine und große Erfolgsmomente: Es wird sich herausstellen, wie viel unsere Schüler in den letzten vier Monaten im Englischunterricht mitnehmen konnten.
Viele meiner Kinder haben noch in der vierten und fünften Klasse Probleme damit fehlerfrei spanische Wörter zu schreiben oder einfach richtig von der Tafel abzuschreiben. Da sich die Aussprache von der Schreibweise im Englischen – im Vergleich zum Spanischen- für sie sehr unterscheidet, haben sie mit den englischen Wörtern noch mehr Probleme. So wissen sie oft - durch endloses Wiederholen der Wörter im Unterricht- wie man die Wörter einigermaßen richtig ausspricht, jedoch nicht wie man sie schreibt und so fallen die schriftlichen Examen oft leider sehr, sehr schlecht aus. Dann gibt es aber auch die anderen Schüler, die alle Wörter richtig buchstabieren können, auf jede Stunde vorbereitet sind und Zusatzaufgaben haben wollen. Deren schriftliche Examen fallen im Normalfall sehr gut aus und für uns Freiwillige ist das oft die Bestätigung, dass die letzten vier Monate Englischunterricht im Bezug auf das Wissen der Kinder nicht ganz umsonst war.

Die schulischen Leistungen der Kinder können meistens nicht nur mit Fleiß oder Faulheit begründet werden. Viele kommen aus schwierigen Familienverhältnissen. Die Väter sind Alkoholiker oder haben die Familie verlassen, die Mütter arbeiten oft den ganzen Tag und können deswegen ihre Kinder nicht betreuen, geschweige denn bei den Hausaufgaben helfen. Für die Schüler der Secundaria (7-11. Klasse) ist es ganz normal nachmittags und manchmal sogar nachts ihre Eltern bei der Arbeit zu unterstützen und so ist es nicht verwunderlich, wenn es ihnen schwer fällt im Unterricht völlig übermüdet aufzupassen. Die Themen Gewalt oder/und Kriminalität sind leider oft ein konstanter Bestandteil der Leben der Kinder. So fällt es uns Freiwilligen sehr schwer einzuschätzen, warum ein Kind sich nicht am Unterricht beteiligt oder seine Hausaufgaben nicht erledigt, besonders weil wir nicht die Zeit und Kraft haben uns mit jedem Kind intensiv auseinanderzusetzen, um dessen Geschichte zu erfahren.

Zuhause in Peru










Ich stehe am Straßenrand und strecke ganz selbstverständlich meinen Arm aus, um den Bus herzuwinken. Den Rucksack wegen den fleißigen Taschendieben vorne tragend, quetsche ich mich -wie jeder Peruaner auch - noch irgendwie rein und versuche mir einen Sitzplatz oder zumindest einen guten Stehplatz zu ergattern. Dass der Bus so wackelt, dass man sich in Deutschland Sorgen machen würde, dass er eventuell auseinander fallen könnte, fällt mir nur noch auf, wenn ich verzweifelt versuche die Examen meiner Schüler zu korrigieren. Nähern wir uns meinem Ziel, rufe ich der Person an der Tür: „Baja, baja“: „Austeigen“ zu und springe in den 10 Sekunden, die der Bus anhält auf die Straße, bevor er dann mit einer Geschwindigkeit selbstverständlich über die nächste rote Ampel fährt.

Will ich danach die Straße überqueren, warte ich nicht wie in Deutschland darauf, dass kein Auto kommt, sondern schaue nach links und sicherheitshalber auch nach rechts (falls sich einer aus Platz- oder Zeitgründen auf die andere Spur ´verirrt´ hat) bevor ich einfach mal loslaufe – wie jeder Peruaner auch. Der spanische Architekt hat dazu einmal gesagt: „This is suicide!“: „Das ist Selbstmord!“

Schlendere ich durch die Straßen der Innenstadt fühle ich mich anders wie die vielen Touristen. Es kommt mir alles nicht mehr so fremd und neu vor wie vor einigen Wochen. Ich weiß wo ich Früchte, Klopapier, Schuhe und vieles andere kaufen kann. Das unangenehme Gefühl beim Handeln an den Marktständen hat sich schon längst verflüchtigt und wird -wegen meiner Hautfarbe- ein zu hoher Preis angeboten, gehe ich weiter zu einem anderem Stand, an dem ich behandelt werde wie jeder andere Peruaner.

Dass sich Arequipa seit einer gefühlten Ewigkeit wie ein drittes Zuhause anfühlt, hängt hauptsächlich an den folgenden zwei Faktoren: der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der peruanischen Menschen und meinen besseren Spanischkenntnissen.

Ganz egal wo ich hier hinkomme, werde ich mit einem Küsschen auf die Backe und einem herzlichen „іHola! ¿Cómo estas?“ empfangen. In einigen Geschäften werden die Kunden sogar mit einem „іHola, amigo!“, einem „Hallo, Freund“ begrüßt. Und weil man nicht nur Käufer und Verkäufer ist, kommt es auch schnell zu Gesprächen wie unter Bekannten. Peruaner sind unglaublich hilfsbereit. Kennt man sich nicht aus, ist immer schnell jemand zu finden, der dir weiterhilft oder dich persönlich zu dem gesuchten Ort begleitet und den Nachmittag dann mit dir verbringt und dich in der Stadt herumführt.

Weil man überall wegen seiner Hautfarbe, den anderen Gesichtszügen und der Größe auffällt, wird man im Bus, an der Straße oder beim Markt oft angesprochen und gefragt, was einen nach Arequipa führt oder wie es einem hier gefällt. Dann wird oft über das Klima und das Essen geschwärmt. In einem Markt sind wir bei einer Käseverkäuferin schon Stammkunden und ihr Gesicht strahlt jedes Mal wieder, wenn sie uns kommen sieht und uns ein wenig mehr von ihrem Land erzählen kann.

Von den meisten Lehrer und Direktoren meiner Schulen wurde ich vom ersten Tag an herzlich aufgenommen, von den Kindern gar nicht zu sprechen. Kaum setze ich den Fuß auf das Schulgelände rennen mir meine Schüler und andere neugierige Kinder entgegen und begrüßen mich mit einer Umarmung und vielen Küssen auf die Backe.

Meine vorher kaum vorhandenen Spanischkenntnisse haben sich in letzter Zeit sehr verbessert und ich habe nur noch sehr wenige Probleme mich zu verständigen und das Wesentliche aus einem Gespräch zu verstehen. Weil der Spanischunterricht mit unserem ersten Lehrer sehr unregelmäßig stattfand, nehme ich seit 2 Wochen Einzelunterricht in einer anderen Sprachschule. Meine Lehrerin Luz kann sehr gut auf meine Fragen und Schwierigkeiten mit der Sprache eingehen und seitdem ist für mich der Fortschritt sichtbarer und ich fühle ich mich sicherer in der Sprache.

Mit jedem neuen Wort und jedem weiteren Ausdruck kann ich mit den Leuten und Kindern meiner Organisation Circa besser kommunizieren und mehr auf sie eingehen. Aus vielen einfachen und oberflächigen Smalltalks werden langsam aber sicher interessantere und längere Gespräche. Meinen Unterricht kann ich durch mein besseres Spanisch abwechslungsreicher und spontaner gestalten und auf die Fragen der Kinder besser eingehen. In manchen meiner Klassen kann ich mich -auch ohne Klassenlehrer im Raum- relativ gut durchsetzen, weil die Kinder mich mehr respektieren, wenn ich mich besser ausdrücken kann.